Auch zarte Mädchen können zuschlagen: Am 4. Dezember poltern in vielen Allgäuer Dörfern die Bärbele durch Straßen und Häuser, um Winterdämonen auszutreiben. Ein Brauch, der auf die Kelten zurückgeht.  Wer sich in Tiefenbach bei Sonthofen nach draußen wagt, stellt fest: In die Quere kommen sollte man den schaurigen Gestalten nicht.

Text: Bettina Buhl

Leise tickt das Uhrwerk der kleinen Kapelle. Mit einem unscheinbaren Rattern rastet der große Zeiger auf der Zwölf ein. Glockenschlag durchbricht die Stille an diesem Wintertag. Sieben Schläge sind es. Dann bricht es los: Wildes Tosen, ein Lärmgewitter aus Pferdeschellen, Schlittenglocken, kleinen Weidschellen, ab und zu ein Grummeln aus einer Mädchenkehle. Das Geräusch von schweren Bergschuhen, die auf nassem Asphalt stampfen, zieht sich mit dem Schellenlärm durch das kleine Dorf Tiefenbach bei Sonthofen.

Jedes Jahr am 4. Dezember treffen sich die ledigen Frauen und Mädchen im Dorf. Sie pflegen eine uralte Tradition. Verkleidet als alte Weiblein, unkenntlich gemacht mit Moosmasken und Kopftüchern, gehen sie gegen die bösen Mächte vor. Für die einen ist das Brauchtumspflege, für die Mädchen gehört das zum Dorfleben einfach dazu: Für sie bedeutet das Bärbeletreiben nicht nur, die Gepflogenheiten lebendig zu halten. Es ist mehr: Zusammenhalt, Freundschaft – und Spaß.

Zwölf Mädchen sind an diesem Abend die Bärbele. Für sie startet das Treiben jedes Jahr zunächst gemütlich. Mal bei einer der Bärbele daheim in der Stube, mal im örtlichen Vereinsheim stimmen sie sich ein, bereiten sich vor. Erst eine deftige Brotzeit, dann schlüpfen sie in die Gewänder und helfen sich gegenseitig beim Herrichten.

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„He Bärbele, machst du mir noch die Augen schwarz?“, fragt die eine. „He, Bärbele, du musst deine Maske noch g‘scheit richten“, sagt die andere. Eigentlich heißen sie Daniela, Julia, Marina, Bernadette oder Eva. „Bärbele“ nennen sie sich an diesem Abend alle. Schließlich sind sie alle Bärbele. Wobei: Eine „echte“ Barbara ist auch unter ihnen. Bevor es los geht, bekommt sie deswegen von den anderen auch ernst gemeinte Glückwünsche zum Namenstag.

4. Dezember: Der „Bärbelestag“ fällt auf den Tag der Heiligen Barbara, jener Schutzheiligen der katholischen Kirche, die zu den 14 Nothelferinnen zählt. Der Legende nach soll ihr Vater sie gequält und schließlich enthauptet haben, weil sie sich weigerte, ihren christlichen Glauben und ihre jungfräuliche Hingabe an Gott aufzugeben. Gläubige rufen sie heute noch unter anderem gegen einen plötzlichen Tod an – wohl mit das schlimmste Ausmaß des Bösen.

„Mit der Heiligen Barbara haben wir aber eigentlich wenig zu tun“, erklärt Bärbele, also jene unter den zwölf Mädchen, die am längsten dabei ist. Woher das wilde Treiben am Barbara-Tag ursprünglich stammt, ist heute nicht mehr ganz klar. „Es ist aber ein keltischer Brauch – und wahrscheinlich viel älter als der Glaube an die Heilige Barbara.“

(Die gesamte Reportage können Sie in der Print-Ausgabe lesen).

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