Hindelanger Klettersteig im Dezember, alpine Mehrseillängen-Routen im März: Der Winter in den Bergen ist immer für Überraschungen gut – und das Allgäu für Freunde des Bergkletterns die ideale Spielwiese bei Wetterkapriolen.

Text und Fotos: Robert A. Schmid

Tannheimer Tal in einem März: Drüben, an der Krinnenspitze, läuft der Skilift – und bei uns der Schweiß. Bis zum Gimpelhaus, einer Hütte oberhalb von Nesselwängle im Tannheimer Tal, sind wir zügig vorangekommen, die frühlingshaften Temperaturen haben mit dem Schnee auf der Sonnenseite kurzen Prozess gemacht.

Doch auf dem letzten Aufschwung zum Hochwiesler, unserem Kletterziel, liegt deutlich mehr Schnee als vermutet. Genau der Bereich, der von unten nicht einsehbar war.

Bei jedem Schritt brechen wir knie-, manchmal fast hüfttief ein. Nicht einmal über Nacht hatte es auf knapp 2000 Höhenmetern gefroren, sodass der verbliebene Schnee schon am Morgen sehr weich ist. Gamaschen wären jetzt nicht schlecht, so aber landet immer wieder Schnee in den Bergschuhen. Bald sind die Bergstiefel feucht und die Socken nass. Aber was soll’s, wenn der Berg ruft – und damit das Abenteuer.

Lawinenlagebericht: Insgesamt hat das regnerische und milde Wetter der Schneedecke stark zugesetzt. Während schattseitig mit Ausnahmen vom Allgäu – hier sind Talabfahrten noch möglich – erst ab etwa 1200 Meter eine geschlossene Schneedecke anzutreffen ist, sind Sonnenseiten oft schon bis in die Höhe von ca. 1800 Meter ausgeapert ... Heute und in den nächsten Tagen wird unter Föhneinfluss zunehmend sonniges und mildes Frühlingswetter erwartet.

Eigentlich stehen die neuen Skitourenbretter abmarschbereit im Abstellkeller. Doch bei prognostizierten 20 Grad Celsius von Oberstdorf bis Tannheim im sulzigen Schnee versinken? Das kann es nicht sein. Flugs krame ich die Kletterausrüstung aus dem hintersten Eck hervor, die sich eigentlich im Winterschlaf befindet. Eigentlich. Doch wenn der Winter mal wieder kein richtiger Winter ist, dann entfalten die südseitigen Felswände der Tannheimer Berge ihren ganz besonderen Reiz.

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Mein Kletterkumpel Peter musste nicht groß überzeugt werden. „Klingt gut. Ich bin dabei. Wann geht’s los?“ Jürgen dagegen hatte meine Anfrage doch etwas verwundert: „Geht das denn schon? Liegt da kein Schnee mehr?“ Dazu mailte er mir ein aktuelles Standbild einer Webcam vom Tannheimer Tal mit den Worten: „Ich will den morgigen Tag nicht schlecht reden ... schon noch einiges an Schnee“.

Letztendlich konnte auch er sich dem Reiz des Außergewöhnlichen nicht entziehen – und hat es wahrlich nicht bereut. E-Mail nach der Rückkehr: „Schön war’s. Gerne wieder.“

Es sind oft die besonderen Rahmenbedingungen, die Bergtouren unvergesslich machen. Eine Skitour beim ersten Schneefall Anfang Oktober und eine letzte Ende Mai, wenn viele Kumpels längst am Gardasee beim Mountainbiken oder Sportklettern sind. Und bei jedem Schritt von der Genugtuung begleitet, am richtigen Tag am richtigen Ort zu sein – so wie schon öfters im Winter in den Südwandplatten am Aggenstein, einer genüsslichen Kletterei über geneigte Platten. Oder wie im vergangenen Dezember am Hindelanger Klettersteig: nasskalt und wolkenverhangen an der Talstation der Nebelhornbahn und oben prächtiger Sonnenschein. Handschuhe, Mütze? Dank Inversionswetterlage überflüssig.

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Es hatte so wenig Schnee, dass man kaum von einer Winterbegehung sprechen kann. Die Steigeisen blieben jungfräulich im Rucksack, der Pickel verlieh an zwei, drei steilen und schneebedeckten Gradstellen Sicherheit. Nur ein weiteres Duo begegnete uns auf den rund vier Kilometern vom Nebelhorn zum Großen Daumen. Im Sommer geht es auf dieser Paradetour fast schon zu wie beim Viehscheid…

 (Die gesamte Reportage können Sie in der Print-Ausgabe lesen).

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