Falscher Ehrgeiz

Unser Kolumnist Freddy Schissler muss eine Runde jammern. In der Hüfte zwickt’s bei ihm, in der Schulter haben sich höllische Schmerzen ausgebreitet, die Oberschenkel sind verhärtet und überhaupt fühlt er sich ausgepowert. Das Schlimmste: Er weiß, dass er daran selbst schuld ist. Lediglich die Tatsache, dass er ein Mann ist, kann als Entschuldigung ins Feld geführt werden…

Die Sache ist die: Seit geraumer Zeit versuche ich meine körperliche Beweglichkeit mit Besuchen im Fitnessstudio zu steigern. Auch aufgrund jener Hoffnung, dass Körper und Geist irgendwie zusammengehören und sich daraus brauchbare Synergieeffekte ableiten lassen. Leider machte mir zuletzt eine erhöhte Testosteron-Zufuhr einen Strich durch die Rechnung. An einem Samstagnachmittag steuerte ich den Radtrainer im Fitnessstudio an, meine erste Station, um die Muskeln ein bisschen aufzuwärmen. Normalerweise verbringe ich darauf 25 Minuten – bei leichter bis mittlerer Schwierigkeitsstufe. Diese lässt sich mittels eines Hebels regulieren, der vorne am Lenker angebracht ist. Ich schmeiße darüber gerne mein Handtuch, damit mein Nebenmann nicht erkennen kann, in welch niedrigem Gang ich unterwegs bin.
An diesem Samstag trat ich auch nach 40 Minuten noch in die Pedale. An diesem Samstag legte ich den Hebel kräftig um und strampelte in einem so hohen Gang, wie ich ihn zuvor nie eingelegt hatte. Ich verzichtete auch auf das Handtuch. An diesem Samstag saß neben mir auf einem Radtrainer eine hübsche Frau, kaum jünger als ich. Sie raste in einem der höchsten Gänge, die der Radtrainer hergibt, sie lächelte – und sie hatte noch genug Kraft und Luft, um mich in ein Gespräch zu verwickeln. Das mündete in jener Frage, wie oft ich ins Fitnesstudio käme, ob ich auch anderen Sport treiben würde und in welchem Gang ich gerade strample.
Würden Sie da nicht auch nach oben schalten und das Tempo steigern? Versuchen, dennoch lässig zu lächeln und das Letzte aus sich herauszuholen?
Um es kurz zu machen: Das gleiche testosterongesteuerte Imponiergehabe legte ich auch beim zweiten Gerät an den Tag, das Rücken- und Schultermuskulatur stärkt. Wieder saß die Frau neben mir, wieder blickte sie auf die aufgelegten Gewichte. Wieder stellte ich Rekorde auf.
In nächster Zeit werde ich nicht mehr Gast im Fitnessstudio sein. Mein Orthopäde stellte eine fortgeschrittene Entzündung im rechten Schultergelenk fest, in die Hüfte jagte er mir eine Spritze. Die nächsten sechs Wochen, meinte er, solle ich mir körperliche Ruhe gönnen. Natürlich verkniff er sich nicht die Frage, wie es denn zu dieser extremen Entzündung kommen konnte. Das Ganze sehe nach totaler Überbeanspruchung aus. Ich weiß nicht mehr, welche Ausrede ich bemühte. An was ich mich hingegen gut erinnere: Plötzlich tauchte an diesem Samstagnachmittag ein Mann auf und begrüßte die Frau neben mir mit einem Kuss – sie stellte ihn als ihren Ehemann vor.