Was für ein Theater!

Ich stutzte. Was hatte mir meine Frau soeben eröffnet? „Am nächsten Mittwoch, mein Schatz, gehen wir ins Theater. Freust du dich?“ Ich bin ein Mensch, der es nicht mag, überrumpelt zu werden. Am liebsten ist mir, wenn ich eine Woche im Voraus weiß, was demnächst alles auf mich zukommt. Ich trage meine Termine noch altherkömmlich in einem Taschenkalender ein. Und dort, das wusste ich ohne nachzuschauen, war der Mittwoch bereits mit Fußball belegt. Übertragung auf Sky (hat unser Nachbar abonniert) eines Champions-League-Spiels. Von einem Theaterbesuch stand dort nichts.
Ich wollte deshalb mit „Nein“ antworten. Doch meine Frau kam mir zuvor: „Warten auf Godot. Die Karten dafür hast du mir ja zu Weihnachten geschenkt. Danke nochmals, Schatz.“
Ich schluckte, denn es dämmerte mir. Dennoch wagte ich einen ersten Versuch: „Eigentlich habe ich am Mittwoch gar keine Zeit.“ Der Gesichtsausdruck meiner Frau war eindeutig und erstickte einen zweiten Versuch im Keim.
An besagtem Mittwoch, sehr seltsam, spürte ich beim ersten Augenaufschlag im Bett ein leichtes Kratzen im Hals. Ich behielt es für mich, denn mir war klar, dass selbst ein kurzfristiger Armbruch meinen Theaterbesuch nicht hätte verhindern können. Aber: Das Kratzen wurde mit zunehmender Dauer des Tages stärker. Musste ich mich am Vormittag nur ab und zu räuspern, begann ich am Nachmittag mit einem regelmäßigen Hüsteln. Meine Frau nahm davon keine Notiz.
Wie so oft bei uns, kamen wir auf den letzten Drücker ins Theater und hatten keine Zeit mehr, die Garderobe anzusteuern. „Wir legen die Jacken unter die Sitze“, waren wir uns ausnahmsweise einig, und ich drängte mit leicht schweißglänzender Stirn ins Innere des Theaters, wo bereits alle Besucher auf den roten Sitzen Platz genommen hatten. Bis auf uns. Das hatte zur Folge hatte, dass über 20 andere Theaterbesucher wegen uns aufstehen und sich besonders dünnmachend zur Seite drehen mussten. Schließlich mussten wir uns mit unseren Jacken vorbeischlängeln.
Meine Stirn begann stärker zu glänzen, das Kratzen im Hals trieb mir erste Tränen in die Augen. Das Stück begann. Ob es mir gefiel? Kann ich nicht sagen, denn ich war vor allem mit meinem Kratzen im Hals beschäftigt und damit, dem stärker werdenden Hustenreiz die Stirn zu bieten, die inzwischen regelrecht unter Wasser stand. Am besten, ich atmete flach und schluckte nur selten. Was zur Folge hatte, dass sich nach 30 oder 40 Sekunden der gesamte Mundinnenraum mit Speichelflüssigkeit gefüllt hatte. Ich versuchte, diese Flüssigkeit nur tröpfchenweise den Hals hinunterzulassen. Ein Verfahren, das äußerste Konzentration erforderte. An ein intensives Verfolgen des Theaterstücks war da nicht zu denken.
Was ich nicht für möglich gehalten hatte: Ich hielt durch bis zur Pause – ohne erstickt zu sein. Dann kam die sensationelle Erlösung dieses Abends für mich. „Ich schaue mir dieses langweilige Stück keine Minute länger an“, eröffnete mir meine erzürnte Ehefrau, nachdem sich der Vorhang geschlossen hatte, griff nach dem Mantel unterm Sitz und forderte mich mit vehementem Blick auf, mir augenblicklich zu folgen. Ich nahm dankend an.
Zu Hause angekommen, schaute ich wenige Minuten später beim Nachbarn vorbei, der mir ein Bier anbot. Ich lehnte nicht ab, denn das Halsweh war spürbar zurückgegangen.