Abnehmen oder wachsen?

Das moderne Leben im 21. Jahrhundert ist für ältere Menschen nicht immer leicht zu meistern, wie folgende Geschichte unseres Kolumnisten Freddy Schissler zeigt. Was früher ein Kinderspiel war, gerät heute mitunter zur mittelschweren Doktorarbeit.

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen? Hin und wieder macht sich in mir der Wunsch breit, mein Körpergewicht zu überprüfen. Nach einem üppigen Essen selten, eher in jenen Momenten, wenn die Chefin des Hauses ihre berühmten Tage basischer Ernährung durchgezogen hat oder die Familie mit der Neuigkeit überrascht: „Heute begnügen wir uns mit einem frischen Salat zum Mittagessen.“

Ich traf also nach einer dieser Zwangsdiäten den Entschluss, eine Waage zu kaufen. Die alte hatte nach 15 Jahren ihren Geist aufgegeben. Fürs Protokoll: Ich wollte lediglich eine Waage, um mein Körpergewicht zu überprüfen – und um gegebenenfalls korrigierend darauf einzuwirken. Nichts weiter.

Ich machte mich also an einem freien Nachmittag auf die Suche nach einem geeigneten Produkt. Schon nach kurzer Zeit war klar, dass es leichtere Aufgaben zu lösen gibt im Leben. In den Regalen der Fachgeschäfte stapelten sich gefühlt hunderte dieser Dinger, was die Entscheidung, zu welcher Waage ich greifen sollte, nicht gerade erleichterte.

Zum anderen hatte mir meine Familie ans Herz gelegt, doch bitteschön eine moderne Waage mitzubringen, bei der man nicht nur das Gewicht ablesen könne, sondern auch andere interessante Daten: Körperfettgehalt, Muskelmasse, Kalorienbedarf. Wie wär’s zudem mit der Raumtemperatur, der Luftfeuchtigkeit oder dem Wochentag?

Mein Kauf nahm den gesamten Nachmittag und frühen Abend in Anspruch – und insgesamt vier Verkäuferinnen. „Multifunktionale, digitale Körperfettwaage“ hieß das Ding, zu dem ich schließlich gegriffen hatte, und so wuchtig diese moderne Wortkonstruktion ist, so kompliziert erwies sich in den Tagen nach dem Kauf für mich die Handhabung der neuen Waage.

Ich wagte gleich am selben Abend einen ersten Versuch, stellte mich auf die „Multifunktionale, digitale Körperfettwaage“ – aber es passierte nichts. Das war früher anders. Da drehte sich eine Scheibe mit vielen Ziffern darauf und hielt – in meinem Fall gar nicht so spät (die Diäten meiner Frau lasse ich seit längerer Zeit über mich ergehen) – wieder an. Unter einem Strich war deutlich eine Zahl erkennbar: das Gewicht desjenigen, der auf der Waage stand. Ja, so funktionierte das in all den Jahren.

Doch meine neue Waage verweigerte sich. Anders ausgedrückt: das Display der „Multifunktionalen, digitalen Körperfettwaage“ blieb dunkel. Das änderte sich erst, als ich begann, wild und unkontrolliert die zahlreichen Knöpfe zu drücken, auf denen Wörter wie „Set“ oder Zeichen wie „>“ und „<“ standen.

Plötzlich blinkte es grell und schnell, und irgendwann riet mir die digitale Anzeige, die eine Raumtemperatur von 48 Grad Celsius erkannt haben wollte: acht Kilogramm abnehmen, Fettgehalt um 15 Prozent senken und Körpergröße um neun Zentimeter steigern!