Foto: Bettina Buhl

Von Bettina Buhl

Tosende Wasserfälle, grollende Strudellöcher und köstlicher Wein: Bei einer kulinarischen Wanderung durch den 15000 Jahre alten Eistobel im Westallgäu kommen Naturliebhaber oder geologisch Interessierte auf ihre Kosten. Und natürlich auch Genießer.

Das wichtigste Utensil für diese Wanderung hängt um den Hals. Ein kleines, weinrotes Täschchen mit zerbrechlichem Inhalt. Wer den Eistobel zwischen Maierhöfen und Grünenbach im Westallgäu mit allen Sinnen erforschen will, braucht das unbedingt. Schließlich sollte bei der kulinarischen Führung durch die Erdgeschichte auch der Tropfen vom Bodensee angemessen serviert werden, damit er seinen vollen Geschmack entfacht – in einem Glas, das jeder Teilnehmer um den Hals trägt.
Seit acht Jahren bietet Christina Rist, Gästeamtsleiterin von Maierhöfen, diese Wanderung an – und sie ist meist ausgebucht. Routine? Ja. Eintönig? Keineswegs – auch nicht für die Expertin.

„Für mich ist jede Tour spannend – und manchmal kann auch ich noch etwas dazu lernen“, sagt die Gästeführerin. Besonders nervös sei sie, wenn Einheimische in der Gruppe sind. Da frage sie sich schon: Erzählt sie alles richtig? Weiß es nicht doch jemand besser? „Aber oft bekomme ich hinterher das meiste Lob von den Einheimischen. Denn sie haben selten so viel über den Eistobel erfahren.“

Der Eistobel ist eine Schlucht des Flusses Obere Argen im Landkreis Lindau. Sie zieht jährlich über 70.000 Besucher an. Entstanden ist sie vor rund 15.000 Jahren. Gegen Ende der letzten Eiszeit formte sich im Talkessel von Ebratshofen – ein Dorf, das Luftlinie etwa fünf Kilometer vom nördlichen Eingang zum Eistobel entfernt liegt – ein Schmelzwassersee. Eine Abflussrinne dieses Sees war vermutlich der Ursprung der heutigen Schlucht. Sie vertiefte sich im Laufe der Jahrtausende immer mehr. Erosion und der Fluss, der sich durch die Gesteinsschichten gräbt, machten und machen es möglich. Dem Bayerischen Umweltministerium zufolge zählt der Eistobel offiziell zu den schönsten Geotopen Bayerns. Wer hier den Wanderweg entlang geht, taucht auch ein in die Erdgeschichte.

Die Wanderung beginnt am großen Parkplatz zwischen Maierhöfen und Grünenbach. Hier grüßen nicht nur friedlich weidende Kühe, hier bietet auch der gut strukturierte Infopavillon Neugierigen einen ersten Einblick in Geologie und Entstehungsgeschichte des Tobels. Und verrät, woher er seinen Namen hat. Zum einen ist es eine Anspielung auf die Entstehungsgeschichte, zum anderen – das bezeugen beeindruckende Fotografien – geht er auf die bizarren Eisformationen zurück, die der Winter hier jedes Jahr formt: meterlange Eiszapfen, in der Luft erstarrte Wasserfälle und wuchtige Felswände, vom Frost überzogen.

Foto: Bettina Buhl

Vor dem Infopavillon wartet Gästeführerin Christina Rist auf ihre Gruppe. Neben ihr ein großer Wäschekorb mit den besagten weinroten Täschchen samt Inhalt. „Das Glas darf jeder selber tragen, schließlich braucht ihr das heute öfter“, sagt sie mit einem vielsagenden Augenzwinkern und schultert einen ihrer großen Rucksäcke.
(Die gesamte Reportage können Sie in der Print-Ausgabe Sommer 2018 lesen.)