Beim Jodeln packt man die gesamte Gefühlswelt in einen Ton. Doch mit heiterem „Holleradihü“ ist es nicht getan – das erfahren die Teilnehmer der „Wertacher Jodlar-Prob“, einer alpinen Kehlkopfübung mit Urkunde. Wer ernsthaft lernen will, die Stimmbänder zum Schwingen zu bringen, braucht vor allem Mut.

Text Bettina Buhl

Er kommt ganz tief aus dem Inneren. Zaghaft drängt er nach oben. Bringt die Stimmbänder zum Schwingen, öffnet die Herzen. Ein Urton. Hervorbringen kann ihn eigentlich jeder. Es hat nur etwas mit Mut zu tun. Früher oder später kommt dann der Effekt: Die Mundwinkel wandern in einer Kurve nach oben, die Augen funkeln, die Sänger lächeln. Jodeln befreit.

Jodeln gehört zum Allgäu wie die Berge. „Es ist Heimatverbundenheit, Heimatstolz“, sagt eine, die es wissen muss: Christine Kimpfler, 26, Vorjodlerin, Pionierin, Henne im Korb. Als die Stiefenhoferin das Jodeln für sich entdeckte, war sie gerade einmal zwölf Jahre alt. Sie platzte in eine wahre Männerdomäne. Schon immer bewunderte sie auf den Heimatabenden in den Dörfern die gstandenen Männer, die sie mit ihrem Gesang tief zu berühren vermochten. Einer von ihnen nahm sie schließlich an die Hand: Otto Schratt, in der Allgäuer Musikszene bekannt als großer Jodler und Begründer zweier Jodelgruppen, die auch heute noch die Volksmusik prägen. Er machte aus dem kleinen Mädle eine Frontfrau von mehreren Jodelgruppen, die um die 40 Mal im Jahr auf den regionalen Bühnen steht und sogar das Angebot für eine größere Rolle in einem Schweizer Jodel-Musical erhielt. Als sie anfing, war Christine Kimpfler eine von wenigen weiblichen Jodlern im Allgäu. „Im Schweizerischen ist es üblich, dass Frauenstimmen dabei sind. Bei uns im Allgäu gibt es in vielen Jodlergruppen nur Männer“, erklärt sie. Dabei könne im Grunde jeder das Jodeln lernen.

Jodeln ist in der Theorie nichts weiter als Singen ohne Text, basierend auf Lautsilben. Die Lieder, die um die sogenannten Naturjodler herum komponiert wurden, handeln meist von Alltäglichem, vom Leben in der Natur, von den Jahreszeiten, erzählen Geschichten über Heimat, Liebe und Freundschaft. „Jodeln ist eine Herzenssache“, sagt Kimpfler. In der Praxis aber ist jodeln etwas ganz anderes als singen: „Es ist schwer zu beschreiben. Jemand, der singen kann, kann nicht automatisch jodeln. Es gehört das Gefühl dazu. Beim Jodeln packt man eine ganze Gefühlswelt in einen Ton.“

Wie das gehen soll, zeigt Josef Lochbihler, staatlich geprüfter Musiklehrer, Chorleiter, Jodler mit Innbrunst. Einmal im Jahr leitet er im beschaulichen Oberallgäuer Dorf Wertach die „Jodlar-Prob“: eine alpine Kehlkopfübung mit Urkunde.

Mit dem „zweiten Futur bei Sonnenaufgang“ und dem berühmten Jodeldiplom aus demLoriot-Sketch hat das jedoch nichts zu tun. Die Teilnehmer, die sich hier auf einem Parkplatz außerhalb des Ortes treffen, um dann mit Jodelpausen auf die Buronhütte zu wandern, wollen ernsthaft lernen, wie sie ihre Stimmbänder richtig zum Klingen bringen. Die meisten von ihnen sind Allgäuer, viele schon mehrmals dabei. Zum Beispiel Uli Schnabel. Der 59-Jährige mit Allgäuer Wurzeln gelte in seiner Heimat Schwäbisch-Gmünd als Exot, erzählt er. „Schon als Kind habe ich gejodelt, mit der Mama. Hier komme ich wieder zurück zu meinen Wurzeln.“ Ihn reize vor allem, wie beim Jodeln tiefe und hohe Töne in einen „wunderbaren Einklang“ kommen. Doch bis dahin haben Jodel-Anfänger einen weiten Weg zurück zu legen.

Wer das Jodeln wirklich lernen will, brauche zunächst einmal Mut, sagt Lochbihler. Freiheraus laut zu juchzen oder einfach einmal ohne richtigen Text zu singen, liege nicht jedem. Tatsächlich fallen auch die ersten Versuche auf der Jodlar-Prob ziemlich spärlich aus.

„Die Stimme ist die Königin der Instrumente“, ist der Jodlerlehrer überzeugt. Genauso müsse man sie behandeln. Man platze nicht einfach in einen Thronsaal hinein, sondern taste sich vor. So beginnt auch der Jodeleinstieg. Erst einmal leichte Lockerungsübungen. Gähnen, den Kiefer entspannen, einen kleinen Dreiklang üben – und nicht vergessen: Die Natur auf sich wirken lassen.

Denn hier gehört ein Jodler eigentlich hin: In die freie Natur, auf die Alpenwiesen, zwischen die Gipfel. Im Grunde genommen ist das Jodeln heute sinnlos geworden. Keiner benutzt mehr die hohe Falsettstimme, um weite Distanzen zu überbrücken. Früher mag das Jodeln in den Bergen ein wichtiges Kommunikationsmittel gewesen sein. Weil die hohen Töne weithin hörbar gewesen sind, nutzte man sie, um Nachrichten über tiefe Schluchten und von Gipfel zu Grat zu rufen. Heute gibt es andere Möglichkeiten, um den Hirten von nebenan „anzurufen“. Doch dem Verlust des ursprünglichen Sinns zum Trotz: Es scheint, das Jodeln ist gerade in der modernen Zeit beliebt. Es boomt.

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