Wer die Alpen zu Fuß überquert muss zwar auf die Zähne beißen, wird aber dafür entlohnt: mit einem Fest für die Sinnesorgane, mit innerer Ruhe und Zufriedenheit; mit zünftigen Abenden und mancher Schnapsrunde. Bereits auf der Kemptener Hütte war klar: „Die Bergwelt kann soooo schön sein.“

Text: Freddy Schissler

Die erste kollektive Umarmung gibt’s auf 1844 Meter Höhe, vor der Eingangstür zur Kemptener Hütte. Der Nieselregen hat aufgehört und die Wolkendecke reist langsam auf, was die Stimmung innerhalb der Gruppe steigen lässt. Dieses Ritual der gegenseitigen Umarmung, sobald wir ein Zwischenziel erreicht haben, wird bis zum Ende der Woche im Südtiroler Meran anhalten.

Wir, das sind Uli, Brigitte, Markus, Klaus, Siegfried und der Griaß-di‘-Allgäu-Reporter – unterwegs auf dem Fernwanderweg E5. Die Alpen zu Fuß zu überqueren setzen sich immer mehr Menschen zum Ziel – als Kontrapunkt zum Alltag im Büro.

Eine Selbstverständlichkeit, die man eben mal so im Vorbeigehen erledigt, ist die Bewältigung dieser Tour aber keinesfalls. Eine Woche lang nur laufen, täglich über 1000 Meter nach oben, bis zu 1800 Meter nach unten, rund zehn Kilogramm auf dem Rücken, Wind und Wetter trotzen, am Abend Rücken und Füße massieren und intensiv eincremen, vielleicht die Zehen mit Blasenpflaster pflegen, nachts im Matratzenlager den Atem der Wanderkollegen hören, im schlimmsten Fall auch am Ohr spüren – die Frage muss erlaubt sein: Weshalb tut sich einer das an?

Spätestens als wir nach einer kurzen Rast und einer Nudelsuppe die Kemptener Hütte wieder verlassen und den Blick nochmals schweifen lassen, gibt es darauf erste Antworten: Wir tun uns das an, weil es ein erhabenes Gefühlt ist, am Rande eines grünen Wiesenkessels zu stehen und mit offenem Mund einerseits den Sperrbachtobel zu bestaunen, andererseits imposante Berge wie den Kratzer, Muttler oder den Großen Krottenkopf mit seinen 2656 Metern Höhe. Weil einem in diesem Moment vor Augen geführt wird, wie atemberaubend schön Natur sein kann, wie dominant und beherrschend. Wir tun uns das an, weil wir an Begriffe wie Demut oder Schöpfung erinnert werden.

Später fällt uns noch dieser Satz ein: Ein hochgestecktes Ziel erreicht zu haben, sorgt für Stolz und  innere Zufriedenheit. Na ja, und als dann noch das Murmeltier grüßt oder besser: pfeift, machen sich alle mit einem Lächeln auf den weiteren Weg nach Holzgau. Die kleine Gemeinde im Bezirk Reutte (Tirol) ist das Ziel des ersten Tages. Die Tour ist so ausgearbeitet, dass wir (bis auf die letzte Etappe) nicht auf Hütten, sondern in zuvor gebuchten Pensionen übernachten. Eine individuelle Variante des klassischen E5-Wegs. Doppelzimmer statt Matratzenlager, Bettwäsche statt Schlafsack  – diesen Luxus wollen wir uns gönnen und bereuen die Entscheidung nicht.

Der Tross der Wanderbegeisterten nimmt stetig zu. Projekte wie die Wandertrilogie Allgäu sind längst zum Renner avanciert, allein in Deutschland und Österreich gibt es ein gigantisch großes Netz an Wanderrouten, das über 55 000 Kilometer lang sein dürfte. Tendenz steigend. Und die Herausforderung, vom Allgäu nach Südtirol über die Alpen zu Fuß zu laufen, nehmen jährlich 15000 Menschen in Angriff. Tendenz ebenfalls steigend.

Schon nach dem ersten Tag auf dem E5 stellen wir zudem fest: Das Alter spielt in den Bergen keine Rolle. Wir treffen Frauen und Männer, die ihren Ruhestand genießen, aber eben auch jene, die das Arbeitsleben noch vor sich haben. Wie jenes Studenten-Paar aus Baden-Württemberg, das die Semesterferien dazu nutzt, die Distanz von Oberstdorf nach Südtirol per pedes zurückzulegen. Dass die junge Frau die finalen 1000 Höhenmeter bergab am letzten Tag der Tour in Strümpfen bewältigen muss, weil die Schuhe ihre Fersen gewaltig malträtieren? Spätestens bei der Ankunft am Vernagt-Stausee vergessen, dessen Wasser mit einer zuvor kaum gesehenen smaragdgrünen Farbe fasziniert. Die Bilanz der beiden Zwanzigjährigen: „Ein einmaliges Erlebnis. Viel spannender als Strandurlaub.“

Stimmt, Strandurlaub fühlt sich anders an. Auch oft so, dass man es am vierten oder fünften Urlaubstag immer noch nicht geschafft hat, die Themen aus dem Büro in die Schublade zu legen und den Kopf für andere Dinge frei zu bekommen. Das alles gelingt den Teilnehmern unserer Gruppe bereits am Abend des ersten Wandertages. Der dient nicht nur zum Essen, einem geselligen Beisammensein und dem unfallfreien Überstehen der offenbar obligatorischen Schnapsrunden des jeweiligen Gastwirts, sondern auch dazu, den nächsten Tag durchzusprechen, sich auf eine bestimmte Route festzulegen, diverse WetterApps aufzurufen.

Der Weg ist das Ziel. Was zählt, ist die zu laufende Strecke und wie man sie bewältigt. Man muss sich weder ums Frühstück kümmern, noch ums Abendessen. Wichtig ist nur, dass am Morgen der Rucksack gepackt ist. Wenn der E5-Wanderer am späten Abend im Bett liegt, lässt er die Eindrücke des Tages Revue passieren und freut sich auf die kommende Herausforderung. Der Weg ist das Ziel.

Am nächsten Tag liegt vor uns eine Königsetappe von knapp neun Stunden reiner Laufzeit, die zunächst noch gemütlich beginnt. Das Taxiunternehmen Feuerstein bringt die Wanderer vom Gasthof Bären im Ortszentrum zur Materialseilbahn der Memminger Hütte. Dort leiste ich mir (als einziger der Gruppe – ist mir aber egal) einen Luxus: Ich trenne mich von meinem Rucksack und lasse ihn per Seilbahn zur Memminger Hütte karren. Eine deutliche Erleichterung, wie ich in den nächsten gut zwei Stunden feststellen werde. Auch wenn die Wolkendecke an diesem Tag tief hängt und sich die Luft feucht anfühlt, ist dieser Aufstieg beeindruckend. Es geht über den Parseier Bach und danach in steilen Kehren hinauf unter die Nordflanke des Seekogels, dessen Gipfelkreuz auf 2412 Metern thront. Wir bestaunen den Sewibach mit seiner Steilstufe, über die das Wasser in die Tiefe stürzt.

Die Welt hier hat einen mystischen Charakter – und der Wanderer lässt sich darauf ein. Er hört das Rauschen des Wassers oder das Knirschen der Steine unter den Schuhsohlen so intensiv wie selten zuvor. Er sieht Gestein und Pflanzenwelt mit einem anderen Auge – und entdeckt plötzlich, einige Meter entfernt, eine Herde Steinböcke, die die Wandergruppe neugierig beobachtet. Was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht.

(Die gesamte Reportage können Sie in der Print-Ausgabe lesen).

 

Merken

Merken

Merken