Foto: Lechweg Verein

Von Freddy Schissler

Weitwandern ohne Schranken: Der Lechweg erstreckt sich über drei Bundesländer, aber man merkt gar nicht, wann und wo eine Grenze überschritten wird. Selten erlebt man Natur so unmittelbar. Nach 125 Kilometern erreicht der Wanderer am Lechfall in Füssen das Ziel.

Bluatschink nennt er sich, weil das einfacher zu merken ist als Toni Knittel. So heißt der Mann mit bürgerlichem Namen, und dass er jemals seine Heimat verlassen könnte, ist ihm noch nie in den Sinn gekommen. Der Bluatschink singt für gewöhnlich, schreibt Songs, manchmal auch ganze Musicals, und wenn er gefragt wird, wo es am schönsten ist auf dieser Welt, kommen wie aus der Pistole geschossen diese Worte: „Entlang des Lechs.“

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Fürs Lechtal hat er eigens einen Song geschrieben. Der ist spätestens seit 2012 der Renner. Denn seither ist der Lechweg offiziell ein Weitwanderweg und führt vom Formarinsee bis nach Füssen zum Lechfall, erstreckt sich über drei Bundesländer (Vorarlberg, Tirol und Bayern) und hat eine Länge von 125 Kilometern. Tausende Menschen jeglichen Alters laufen seitdem den Lechweg, jedes Jahr werden es mehr. Nicht zuletzt deshalb, weil die mehrtägige Tour für jeden zu meistern ist. Selbst der geübte Wanderer langweilt sich nicht – dazu ist diese abwechslungsreiche Gebirgslandschaft einfach zu beeindruckend. Ach ja: Der Lechweg lässt sich zudem als Symbol für eine gelungene Grenzüberschreitung sehen.

Wir steigen, weil uns nur vier Tage zur Verfügung stehen, mitten auf dem Lechweg ein – in Elbigenalp. Das Auto haben wir in Füssen geparkt (nahe des Eissportzentrums) und den Postbus nach Tirol genommen. In der Zeit zwischen Ende Juni und Ende September verkehrt zwischen Lech und dem Formarinsee sogar ein eigener Wanderbus.

Foto: Lechweg Verein

In jenem Elbigenalp beginnt also unsere Tour, das vor allem durch einen Namen geprägt ist: Geierwally. Hier, inmitten der Lechtaler und der Allgäuer Alpen, befällt den Gast sofort das Gefühl, Geschichte zu spüren, zu atmen. Immerhin ist die Gemeinde, die die Einheimischen „unser Duarf“ nennen, die älteste Ansiedlung des Tales, auf einer Höhe von 1040 Metern. Und sie ist die Heimat der Malerin Anna Stainer-Knittel (wieder der Name Knittel!). 1841 wurde sie dort geboren und schaffte es, einen Eintrag in die Geschichtsbücher zu bekommen. Nicht als Stainer-Knittel, sondern als „die Geierwally“. Ausgestattet mit beeindruckendem zeichnerischem Talent, dem Drang, sich für die Gleichberechtigung der Frau einzusetzen sowie einer ungewöhnlichen Portion an Mut, klettert sie eines Tages zu einem Adlerhorst und nimmt das Nest aus – zum Schutz der Schafherden im Dorf.

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Im Grunde genommen ist das die Aufgabe von Männern. Doch damals traut sich keiner von ihnen in die Felswand und sich dem Lämmergeier zu nähern. Die 17-jährige Anna avanciert zur Heldin und zieht das Küken aus dem Nest als Haustier auf. Heute erinnert vieles an das mutige Mädchen von damals: die Geierwally-Bühne, Verfilmungen, Theaterstücke, ein Restaurant, ein Rundwanderweg.

(Die gesamte Reportage können Sie in der Print-Ausgabe lesen.)